Pflege- und Betreuungskräfte im Spannungsfeld der Erwartungen

Seit Monaten stellen die Auswirkungen der Corona-Pandemie unser Leben auf den Kopf. Besonders für Pflege- und Betreuungskräfte ist die Belastung nach wie vor groß. Denn sie befinden sich im direkten Kontakt mit der Hauptrisikogruppe und sind einer Vielzahl von sich ständig ändernden Vorgaben und hohen Erwartungen ausgesetzt.
Angefangen hatte es mit Isolationsmaßnahmen und Kohorten- bzw. Kleingruppenbildung. Dadurch entstand einerseits ein erhöhter Organisationsbedarf, andererseits wirkten die Pflege- und Betreuungskräfte mit mehr Einzelbetreuung, Gesprächen und seelsorgerischer Unterstützung gegen die Einsamkeit der Bewohnenden. Zeitgleich stiegen die Sicherheits- und
Hygienemaßnahmen.

Da schien die Einrichtung von Besucherplätzen Entlastung zu versprechen. Jedoch führte die vorherige Anmeldung, Gesundheitskontrolle und vorgeschriebene Begleitung eigentlich nur zu einer
Verschiebung des Mehraufwands. Inzwischen dürfen Bewohnende von Einrichtungen wie dem Seniorenzentrum St. Martin in Essen-Rüttenscheid wieder Besuch empfangen oder die Einrichtung vorübergehend verlassen. Was Bewohnende und Angehörige langersehnt haben und Vertreter der Einrichtung grundsätzlich begrüßen, bedeutet für die Abläufe innerhalb der Einrichtung aber weiter erhöhte Anforderungen an Hygiene, Gesundheitskontrollen und Dokumentation. So sieht die aktuell gültige Verordnung vor, dass alle möglichen Kontaktflächen und die besuchten Zimmer zusätzlich desinfiziert werden. Daneben hat das Personal der Einrichtung sicherzustellen, dass jede Person unter der Aufsicht von Mitarbeitenden der Einrichtung vor dem Besuch ein Screening inklusive Fiebermessen durchläuft.

„All diese Maßnahmen müssen zusätzlich zum üblichen Arbeitsaufwand erfolgen, bedingen höheren Personalaufwand und werden in keinster Weise zusätzlich vergütet“, erklärt Geschäftsführer Markus Kampling die Herausforderungen der Situation. „Zusätzlich bleibt die grundsätzliche Belastung für Pflege- und Betreuungskräfte hoch.“
Einerseits sei da die Sorge um die ihnen anvertrauten Personen. „Unsere Mitarbeitenden setzen ein erhebliches Maß an Verantwortungsbewusstsein um und tragen durch ihre achtsame und professionelle Arbeit dazu bei, dass unsere Einrichtung bisher Corona-frei ist.“

Da sei es bedauerlich, dass manchmal der Eindruck entstünde, dass Angehörige die hohe Arbeitsintensität und das Engagement im Zusammenhang mit den wechselnden Verordnungen unterschätzen. „Dass wir zum Beispiel Einschnitte beim etagenübergreifenden Unterhaltungs- und Bewegungsprogramm machen müssen, bedauern wir selbst sehr“, sagt Markus Kampling. „Im Seniorenzentrum St. Martin war das immer unser Aushängeschild. Nun lassen Gruppenbeschränkungen und Abstandsregeln vergleichbar abwechslungsreiche und übergreifende Angebote zur Zeit nicht mehr zu.“ Wo früher sechs Personen gleichzeitig an Kraft-Balance-Übungen teilnehmen konnten, sind es heute maximal 4 Personen. So sind mehrere Gruppen notwendig, um gleich viele Personen am Programm teilhaben zu lassen. Zudem sind Veranstaltungen wie das Frühjahrs- und Sommerfest und Ausflüge ausgefallen. Selbst die Seelsorge und Gottesdienste wurden von Seiten der Kirchen vorübergehend ausgesetzt.

„Unsere Pflege- und Betreuungskräfte arbeiten seit Monaten am Limit. Doch wir bemerken, dass die Wertschätzung in der Gesellschaft dafür nachlässt. Vor Wochen wurde für gute und  verlässliche Pflege applaudiert, heute scheint sie wieder selbstverständlich“, sagt Einrichtungsleitung Ute Bressler. „Da richtet sich das Augenmerk auch schonmal auf Dinge wie die Ordnung der Kleidung im Schrank.“

Natürlich pflege das Unternehmen eine offene Kommunikationspolitik mit allen Beteiligten und sei für jeden Hinweis dankbar, versichern Geschäftsführer und Einrichtungsleitung. „Doch befinden wir uns immer noch in einer Ausnahmesituation“, sagt Markus Kampling, „und würden uns sehr freuen, wenn dies von allen Beteiligten entsprechend wahrgenommen und die wertvolle Arbeit unserer Mitarbeitenden entsprechend wertgeschätzt würde.“